2.1 Der europäische Referenzrahmen „LifeComp“ - persönliche, soziale und emotionale Kompetenzen

Wie entstehen Emotionen? Wie kommt es vom "etwas Fühlen" zum reichen Gefühlsleben? Wie werden Emotionen ausgedrückt? Wie prägen sie unser Verhalten? Diese Fragen faszinieren. Denn Emotionen sind ein grundlegender Bestandteil unseres Alltags. Und wir wissen auch, alle fühlenden Lebewesen erleben auf ihre Weise Emotionen.

Emotionale (und in der Folge auch soziale) Intelligenz ist keine angeborene Fähigkeit. Es ist eine schwierige Aufgabe, Emotionen zu regulieren, sowie die eigenen und fremde Emotionen zu verstehen. Auch als Erwachsene fühlen wir uns von den in einer Situation aufkommenden Emotionen manchmal überfordert. Und es gelingt uns nicht immer, konstruktiv und emotional kompetent mit uns selbst und anderen umzugehen.

Weltweit beschäftigen sich Forschende aus den unterschiedlichsten Disziplinen und mit den jeweils eigenen Perspektiven der Psychologie, Soziologie und Neurobiologie mit dem Phänomen Emotionen (Goleman, 1996; Lindquist et al., 2012). Auch aus bildungstheoretischer Sicht werden Emotionen betrachtet, wie etwa im Rahmen von CASEL (Collaborative for Academic, Social, and Emotional Learning). Längst ist klar: Emotionen sind nicht bloß etwas, das wir „mit uns herumtragen“. Ihr Einfluss auf unsere Entwicklung, unser Lernen und unser Miteinander ist tiefgreifender als lange angenommen. Inzwischen hat sich diese Erkenntnis auch in der Bildungstheorie und -praxis weltweit mit zahlreichen Studien, Publikationen und Projekten etabliert, die darauf abzielen, Kinder von Anfang an in ihrer emotionalen und sozialen Kompetenzentwicklung zu begleiten.

2018 entwickelte die Generaldirektion Bildung, Jugend, Sport und Kultur (EAC) der Europäischen Kommission gemeinsam mit dem Joint Research Centre (JRC) einen richtungsweisenden Kompetenzrahmen: den LifeComp-Rahmen. Dieser beschreibt sich selbst als „ein Rahmenkonzept zur gemeinsamen Verständigung über die Schlüsselkompetenz ‚persönliche, soziale und Lernkompetenz‘“.

Die LifeComp-Initiator*innen betonen: “Der Rahmen ist nicht normativ, sondern bietet eine offene Grundlage zur Entwicklung von Bildungsinhalten und Lernangeboten. Ziel ist es, Menschen dabei zu unterstützen, ihr dynamisches Potenzial zu entfalten, ihre Emotionen, Gedanken und ihr Verhalten zu steuern, um ein sinnerfülltes Leben zu gestalten, Komplexität zu bewältigen, verantwortungsvoll zu handeln und reflektierte, lebenslange Lernende zu sein.”

In diesem Abschnitt untersuchen wir die Inhalte des LifeComp-Rahmens mit der wichtigen Zielsetzung, sein Potenzial für jüngere Kinder und Pädagog*innen in Kindertageseinrichtungen zu erschließen. Denn obwohl der vorhandene Referenzrahmen viele lebensphasenübergreifende Impulse bietet, geht er auf die frühkindliche Bildung bislang kaum ein. In dieser Einführung wird also der innovative Kern des LifeComp-Rahmens analysiert und mit Blick auf das EduSkills+ Projekt werden theoretisch-praktische Indikatoren identifiziert, die sich auf den Bereich der Frühpädaogogik übertragen lassen.

Mit dieser Analyse der zentralen Inhalte des Rahmens zeigen wir auf, welche Aspekte sich in der Praxis von Kindertageseinrichtungen anwenden lassen - mit einem besonderen Augenmerk darauf, Pädagog*innen neue (oder erweiterte) Methoden und Materialien als sinnvolle Werkzeuge an die Hand zu geben, um systematisch und ganzheitlich die soziale und emotionale Entwicklung der Kinder zu unterstützen und zu fördern. Die Inhalte werden in Abschnitt 2.4 vertieft und weiterentwickelt.